Was ist ein Rapial?

Zum erstenmal – und ich vermute, als der einzige heute lebende Autor – habe ich den Namen "Rapial" benutzt, als ich in einer Handvoll Bemerkungen eine Überschrift gab, die in einem der zu Weihnachten und Neujahr üblichen, anziehend ausgestatteten Verlagskataloge erschienen sind. Es ist landläufig, solche Bemerkungen als Aphorismen zu bezeichnen, und auch einige andere Überschriften wären recht üblich gewesen, aber ich wage das heute so wenig wie damals zu tun, und einige andere Überschriften, wie Gedankensplitter und Gedankenblitze, sind mir widerlich.

Ich habe an ein Notizbuch gedacht, das die Entwürfe zu solchen Bemerkungen enthalten könnte, und da man in der niederdeutschen Kaufmannssprache das Konzept- oder Schmierbuch, in dem der Reihe nach ohne Ordnung eingetragen wird, die Kladde nennt, und da ich immer eine Abneigung gegen dieses Wort habe, läßt mich beim Blättern in einem Wörterbuch der Zufall bei diesem Wort die Worte Klütterbuch und Rapial finden als das, was ihm im Oberdeutschen entspricht.

Wer ein schlechter Lateiner ist, kann sich an einen Zusammenhang an rapio erinnert fühlen. Es ist ein kriegerisches Wort als Kladde. Und vielleicht kommt es, wenn schon von schlechtem Latein, so doch vom Mönchslatein. In mancher Eigenschaft ein guter Titel. Er hat auch Eindruck gemacht. Besonders merkwürdig aber war, daß viele Menschen mit mir über diese Aphorismen gesprochen haben. Aber wahrhaftig kein einziger mich gefragt hat, was ihre ungewöhnliche Benennung bedeute!

Dichten ist Gerichtstag halten über sich-selbst; mit einem sicheren Freispruch! Die Jugend überschätzt das Neueste, weil sie sich mit ihm gleichaltrig fühlt. Darum ist es ein zweifaches Unglück, wenn das Neueste zu ihrer Zeit schlecht ist.

Ansichtskarten von Ringkämpfern hat es gegeben, als noch kein Film war. Überdies auch von Opernsängern und Schauspielern. Beispiel eines Bedürfnisses, das unter besonderen Umständen übermächtig angewachsen ist. Welches Bedürfnis? Dabeisein, Berühren, Aufbewahren einer aus dem Strauß gefallenen Blume, Museum der Matterhornopfer.

Man muß unterscheiden zwischen Genie, Geniewilligen und gewöhnlichen Menschen. Die Geniewilligen, sehr nützlich, sind dennoch oft ärgere Feinde des Genies als die Banausen. Wer ein treffendes neues Ersatzwort für Genie erfände, leistete der Menschheit heute den größten Dienst. Ein Unterschied: Nicht das Genie ist hundert Jahre seiner Zeit voraus, sondern der Durchschnittsmensch ist um hundert Jahre hinter ihr zurück.

Ich und Wir: Für den jungen Menschen ist zunächst nur die Gegenwart wichtig, die ganze Vergangenheit ist ein Friedhof. Statt ihm dessen Lebens- und Sterbedaten einzupauken, müßte man ihm erst begreiflich machen, daß sein wahres, heißes Leben dort ruht, unendlichmal dichter als in der Gegenwart.

Politik ist Wille und nicht Wahrheit. Eine sehr primitive Formulierung, aber folgenreich. Zwischen Politik und Geist bestehen ähnliche Zusammenhänge wie zwischen Wille und Wahrheit. Historisch pflegt man geistige und politische Entwicklung einer Zeit als Einheit zu behandeln; es ist bloß eine gegenseitige Abhängigkeit, aber die Funktionen sind zu trennen.

Politik. Die grundlegende Erkenntnis der neuen Zeit ist, daß man, im Besitze der Brachialmittel, nichts zu fürchten hat,

Ruhm. Es gibt zwei von Grund aus verschiedene Arten berühmter Leute: solche, die man kennt, und solche, die man kennen soll. Der Ruhm der einen folgt aus den natürlichen Neigungen, der der anderen aus den Forderungen der Kultur. Der eine wird im Wirtshaus ausgeschenkt, der andere nur gegen Rezept in der Apotheke verabreicht. Das Ideal, daß beide eins werden, liegt in unendlicher Ferne. Gleichsam um der Natur zuvorkommen und auch um der Kultur, das Lehrmäßige zu nehmen, hat sich also die Gepflogenheit gebildet, daß man von berühmten Leuten der zweiten Art öffentlich so schreibt, als ob sie wirklich bekannt wären. Das ist eine freundliche und wirksame Technik, Sie erinnert aber doch oft an die etwas peinlichen Redensarten, die in Gesellschaft angewandt werden, wenn ein illustrer Fremder vorgestellt wird. "Ich brauche Ihnen nicht erst zu sagen, wer Herr X ist" oder ähnlich lauten sie, und sind das sicherste Zeichen davon, daß der Angeredete keine Ahnung hat. In der Gesellschaft wird aber wenigstens nachträglich heimlich mitgeteilt, wer jemand wirklich ist; auf dem Weg zum öffentlichen Ruhm unterbleibt das meistens.

Ausgedacht: "Ist ja alles nur ausgedacht..." Sich etwas ausdenken können: bedeutet in der Volkssprache Phantasie haben und wird hochgeschätzt. Erst der Gebildete trennt zwischen Denken und Leben, un dder Halbgebildete hat die Diskreminierung des Denkens aufgebracht.

Der neue Mensch will nicht das Recht, sondern das Rechte. Auch schlechte Künstler haben gute Gründe und Absichten. Die Unsterblichkeit der Kunstwerke ist ihre Un Verdaulichkeit.

Wie wird man aufs einfachste Prophet? Wenn man eine Dummheit ausspricht und andere sie nachmachen. Es ist das sicherste, einen Unsinn zu sagen: irgendwann geschieht er! Es genügt, eine Dummheit auf den Markt zu werfen.

Ich bin überzeugt, daß man mit der Kielfeder ein besseres Deutsch geschrieben hat, als mit der Stahlfeder und mit der Stahlfeder ein besseres als mit der Füllfeder. Wenn einmal das Parlophon ausgebildet sein wird, wird man überhaupt kein Deutsch mehr schreiben.

Der Dichter eilt der politischen Entwicklung voraus. Was Dichtung ist, ist etwas später Politik.

(Robert Musil: Tagebücher, Aphorismen, Essays und Reden. Hrsg. v. Adolf Frisé.)